Vice & Bohemian Rhapsody: Wenn Schauspiel zum lachhaften Fasching verkommt


Vice mit Christian Bale und Bohemian Rhapsody mit Rami Malek
© Universum/DCM/20th Century Fox
Vice mit Christian Bale und Bohemian Rhapsody mit Rami Malek
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei poleheart.us, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Ähnlichkeit wird komplett überbewertet. Außer natürlich, man jagt einen Oscar. Die Academy-Mitglieder mögen Biopics und sie verehren sie, wenn Hauptdarsteller alles geben, um ihren realen Vorbildern ähnlich zu sehen. Insofern verwundert es nicht, dass sowohl Bohemian Rhapsody-Star Rami Malek als auch Vice - Der zweite Mann-Hauptdarsteller Christian Bale dieses Jahr für einen Oscar nominiert wurden. Bale hat 18 Kilogramm zugenommen für die Rolle des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney und weil das nicht genügt, trägt das Schauspiel-Chamäleon diesmal auch Silikon-Prothesen.

Bei der Berlinale 2019 läuft Vice außer Konkurrenz. Es ist ein politischer Film für ein politisches Festival. Das passt wie die Faust aufs latexumrahmte Auge. Dabei verkommen Filme wie Vice und Bohemian Rhapsody dank ihrer Sucht nach einer fotorealistischen Schauspieler-Optik zu einem lachhaften Fasching, der vom Wesentlichen ablenkt.

  • Christian Bale und Rami Malek ähneln so sehr ihren Vorbildern, dass sie von diesen ablenken.
  • Vice ist ein Propagandafilm mit einfachen Antworten und ebenso einfachen Feindbildern.
  • Berlinale 2019 - Alle Artikel zum Festival auf einen Blick

Die falschen Zähne von Rami Malek werden mich noch bis zum Totenbett verfolgen. So zumindest mein Gefühl, als ich den Kino-Langläufer Bohemian Rhapsody nachgeholt hatte. Gleich danach musste ich mir nochmal die Live Aid-Performance von Queen anschauen, um zu prüfen, ob Freddie Mercurys Zähne wirklich so aussahen, und es traf zu.

Trotzdem wirkt Rami Maleks Transformation in den Front-Sänger von Queen falsch. Oder nicht einfach nur falsch, sondern grotesk. Dieses paradoxe Phänomen befällt Gary Oldmans Churchill in Die dunkelste Stunde (Biopic, Oscar-Gewinner, natürlich) und auch Christian Bales Dick Cheney in Vice.

Bei Christian Bale und Rami Malek wird Ähnlichkeit zum Fluch

In Vice spielt Christian Bale Dick Cheney von seinen Trinkergelagen als junger Mann bis ins hohe Alter. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker der Effekt. Je schütterer das Haar, je dicker das Bäuchlein, je mehr Christian Bale jenem Dick Cheney ähnelt, den man aus den Bush-Junior-Jahren kennt, desto größer die Entfremdung. Dabei muss Bale nicht einmal auf bizarren falschen Zähnen herumkauen.

Christian Bale spielt in einer anderen Liga als Rami Malek. Er ergeht sich weniger in der Mimikry einer berühmten Karikatur, sondern hat eine Interpretation eines Menschen verinnerlicht. Das sieht man ihm an. Wenn Christian Bale in Vice mit George W. Bush (Sam Rockwell) spricht, dann sehen wir in seinen Augen die schlaue Berechnung - nicht von Bale, sondern seines Cheney.

Wenn Freddie Mercury - die Schneidezähne in der Unterlippe verkantet - sich am Telefon nach Zweisamkeit sehnt, blitzt in seinen mitleidig aufgerissenen Augen nur die Berechnung Rami Maleks auf. Maleks Mercury besitzt kein Innenleben, das er nicht in einem Dialog ausspricht. Bales Cheney dagegen schon. Doch auch er scheitert in Vice.

Der Berlinale-Beitrag Vice ist ein reiner Propaganda-Film

Das Politiker-Biopic von Adam McKay (The Big Short) hat natürlich den Vorteil, weitaus faszinierender zu sein als die Millionen Dollar teure Spotify-Playlist von Bryan Singer. Vice ist ein reiner Propagandafilm und das meint nicht einmal so sehr die Message. Es sind die Mittel, die Adam McKay und sein Schnittmeister Hank Corwin verwenden, um den Vize von George W. Bush zum Buhmann der US-Politik der vergangenen 40 Jahre zu erklären. Von allen Umwälzungen im Hollywood-Kino der jüngeren Zeit gehört die Produktion von Filmen nach Vorbild sowjetischer Propaganda aus den 20ern zu den überraschenderen. Panzerkreuzer Potemkin im Weißen Haus hat McKay zwar nicht gedreht. Ein konventionelles Biopic aber ebenso wenig.

In Vice wird der Aufstieg des Dick Cheney zum Strippenzieher der Kriege in Afghanistan und dem Irak nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nacherzählt. Gleichzeitig kommentiert der Film diese Story. Durch einen eigenen Erzähler (Jesse Plemons aus Fargo), aber vor allem die Montage. Sprachbilder werden visualisiert. Herumwedelnde Butterflymesser und wacklige Türme aus Teetassen entschwinden den Lippen von Schauspielern und tauchen im nächsten Bild selbst auf.

An die Dynamik der Löwen-Statue, die Sergei M. Eisenstein per Schnitt auferstehen lässt wie die erwachende Arbeiterklasse, kommt McKay natürlich nicht heran. In Vice gerinnen diese Passagen zur Redundanz statt Bereicherung.

Während Christian Bale sich also mit Körpereinsatz, Silikon-Hals, Fat Suit und Perücke um Naturalismus bemüht, erinnert Vice ständig an seine eigenen Konstruktionsprinzipien. Als wollte er seinen Star sabotieren. Aus dem Biopic wird ein Argumentationsstrang. Nur hat das Bale niemand gesagt.

Andere Schauspieler wie Steve Carell als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Sam "George W. Bush" Rockwell geben sich von vornherein der Tiefe eines Comedy-Sketches hin. Steve Carell sieht nicht im entferntesten so aus wie sein Vorbild und sein einziges Verständnis für die Figur scheint Rumsfelds zahniges Grinsen zu sein. Weiter von einem Menschen ist in diesem Film niemand entfernt. Dafür nähert er sich am ehesten der Essenz von Vice.

Vice sabotiert die eigene Message durch platte Rhetorik

Als Biopic verweigert sich Vice konsequent der Differenzierung. Dem Film wohnt keinerlei Neugier gegenüber seiner Hauptfigur inne. Alle Antworten stehen fest, bevor die Fragen gestellt wurden. Dick Cheney hat die Republikanische Partei zu dem gemacht, was sie heute ist, mitsamt ihrer Aushöhlung demokratischer Institutionen und ihrer Vorliebe für Demagogen. Er trägt die Schuld am Aufstieg des sogenannten Islamischen Staats - noch einmal unterstrichen durch die weitgehende Ausklammerung von Barack Obamas Amtszeit - und letztlich auch für den etwas anderen Agent Orange im Weißen Haus.

Vereinfacht gesagt. Die Vereinfachung zählt denn auch zu den größten Problemen von Vice, der sich der Mittel der Propaganda bedient, um aufrichtige Warnungen vor der Zerbrechlichkeit von Verfassung und Demokratie auszusprechen. Es ist ein Film der die Schaffung von werbedienlichen Feindbildern kritisiert, in dem er leicht verdauliche Feindbilder auffährt.

Da sehnt man sich nach Oliver Stones Tendenz, sich in seine großen Männer zu verlieben. Der bessere Vice heißt schließlich Nixon - Der Untergang eines Präsidenten. In dem sieht Anthony Hopkins nicht im entferntesten so aus wie Richard Nixon, Traum aller politischen Karikaturisten.

Die Essenz des Außenseiters, der das Establishment so sehr hasst, dass er dazugehören muss, fasste er trotzdem auf Film. Hopkins Perücke und falsches Gebiss war unauffällig. Sie veränderten sein Aussehen nicht wesentlich. Er gewann damals keinen Oscar. Hätte er sich doch eine falsche Nase aufgeklebt!

Mehr: Trotz berechtigter Kritik: Warum die Berlinale ein fortschrittliches Festival ist
Mehr: Der goldene Handschuh: Das ist schon jetzt der verstörendste Film der Berlinale

Was haltet ihr von Schauspielern, die sich für die Ähnlichkeit derart maskieren?

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei poleheart.us, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
Deine Meinung zum Artikel Vice & Bohemian Rhapsody: Wenn Schauspiel zum lachhaften Fasching verkommt
E704186884404425a084dabf053bfc48