Berlinale 2019: Wo Netflix scheiterte, rettet Jonah Hill die 90er-Jahre-Nostalgie


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Während die 1980er Jahre aktuell das Kino und Fernsehen dominieren, unternahm zuletzt Netflix den Versuch, die 1990er Jahre im großen Stil zu neuem Leben zu erwecken. Nach dem Erfolg von Stranger Things sollte Everything Sucks zum zweiten Nostalgiewunder auf der Plattform des Streaming-Diensts werden. Schlussendlich landete die Coming-of-Age-Serie aber schneller als ein ungeliebtes Game Boy-Spiel in der Ecke und kapitulierte vor der anhaltenden Begeisterung gegenüber den Spielberg-Kids, die mit ihrem BMX-Rädern durch das amerikanische Suburbia eroberten.

Mid90s - Skateboards und Sonnenuntergänge in Los Angeles

Nach dieser Niederlage ist es ausgerechnet Jonah Hill, der hinter die Kamera wechselte, um die 1990er Jahre auf die Leinwand zu bannen. Mit seinem Regiedebüt Mid90s, der nach seiner Weltpremiere in Toronto nun auch im Panorama der Berlinale 2019 zu sehen ist, taucht der frisch gebackene Regisseur in eine Welt goldener Erinnerungen ein und kann sich in den ersten Minuten seines Films gar nicht an den nostalgisch aufgeladenen Gegenständen im reich eingerichteten Kinderzimmer sattsehen. Erst wenn sich die Kamera von der Teenage Mutant Ninja Turtles-Bettwäsche lösen kann, beginnt Mid90s seine Stärken auszuspielen.

Zuerst ist Jonah Hill, der ebenfalls das Drehbuch schrieb, jedoch viel zu fasziniert von dem grobkörnigen Los Angeles, das im Seitenverhältnis 4:3 vor Retro-Charme strotzt und am liebsten in den Farben des Sonnenuntergangs erstrahlt. Das Gefühl eines ewigen Sommers breitet sich aus, wenn der 13-jährige Stevie (Sunny Suljic) durch die Straßen zieht und schließlich im Motor Avenue Skateshop eine Gruppe Jugendlicher kennen lernt, die ihm das Tor zur Welt öffnen. Plötzlich sind alle Sorgen vergessen: der gewalttätige Bruder Ian (Lucas Hedges), die verzweifelte Mutter Dabney (Katherine Waterston) und der Vater, der niemals Erscheinung tritt.

Mid90s setzt zur perfekten Montage an, doch dann folgt die Realität

Steve verliert sich in einem Abenteuer, das den aufregenden Levels seiner Nintendo-Spiele weit überlegen ist. Ab jetzt gehört er zu den Coolen, die ausgerüstet mit ihren Skateboards ein Leben jenseits der Regeln führen und sich mit waghalsigen Tricks gegenseitigen Respekt verschaffen. Stevie raucht, Stevie trinkt, Stevie chillt - endlich angekommen im Kreis derjenigen, die er zuvor nur schüchtern beobachtet hat. Der junge Mann in seinem Körper ist endlich frei. Er will entdecken und erleben und besitzt den Vorteil des Kückens in der Gruppe. Im Grunde kann Stevie nichts falsch machen. Was folgt, ist trotzdem keine verklärende Montage zwischen Nirvana und MTV.

Genau dann, wenn Jonah Hill zu einer solchen Montage ansetzt und im Hintergrund die Töne des Omega-Songs Gyöngyhajú lány langsam anschwellen, zerschellt die Illusion am Kliff der Realität und Stevie fliegt - im wahrsten Sinne des Wortes - auf die Fresse. Mit einem Schlag ist die gesamte Euphorie vergessen, wenn der zerbrechliche Körper des Jungen auf dem harten Asphalt aufschlägt und Blutflecken die zerrissene Kleidung zieren. Vor seiner Mutter würde Stevie am liebsten die Wunde verstecken, so wie er seine LA-Odyssee die ganze Zeit schon mit geschickten Kniffen verheimlicht. Doch jetzt ist es zu spät. Gerade in diesen Momenten der Niederlage entdeckt Jonah Hill das Herz seines Films.

Nostalgie als Selbstzweck hat spätestens an diesem Punkt nichts mehr in Mid90s verloren. Jonah Hill entlarvt die Posen der Skater-Gang und sucht nach der Motivation hinter dem jugendlichen Leichtsinn. Selbst die coolsten Kids vom Block besitzen Träume und Ängste, die sie im Kreis mit anderen niemals verraten würden, sich insgeheim aber nach einem Gespräch darüber sehnen. Vom minimal älteren Ruben (Gio Galicia) wird Stevie dazu erzogen, den Mund möglichst weit aufzureißen und lieber unhöflich als zuvorkommend zu sein. Gefühle zeigen? Kommt nicht infrage! Doch genau daran ist Jonah Hill am meisten interessiert und so filtert er die verborgenen Emotionen aus den schreienden Teenager-Herzen heraus.

Mid90s kommt für die Nostalgie und bleibt für das Drama

Ständig müssen sich die Jungs etwas beweisen, am Ende dieser Spirale erwarten sie allerdings verhängnisvolle Schicksalsschläge. Bei all den Fantasien, die Jonah Hill im Skatepark lebendig werden lässt, überrascht das aufrichtige Interesse an den trostlosen Facetten der Nostalgie. Der Preis für den perfekten Ollie ist hartes Training, gesäumt von unzählige Pflastern und aufgerissenen Jeans. Mid90s denkt diese Hinfallen auf der nächsten Ebene weiter und bringt seinen Protagonisten sogar in Lebensgefahr. Die große Welt, die Stevie entdeckt, ist auch verführerisch und verräterisch. Zu schnell breitet sich Eifersucht unter den Halbstarken aus und voreilig getroffene Entscheidungen können nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Am Ende gewinnen aber die Freundschaften, die im Verlauf der vergangenen 90 Minuten entstanden sind. Mid90s fühlt sich an wie einer dieser unendlich langen Tage in den Sommerferien, in denen alle Gefühlzustände durchgespielt wurden. Schlussendlich bleibt aber die Gewissheit, dass etwas Einmaliges, etwas Unvergleichliches passiert ist. Etwas, an dem jeder wachsen kann. Dementsprechend entpuppt sich Jonah Hills Regiedebüt als allgemeingültige Coming-of-Age-Geschichte, die fraglos von ihren Nostalgie-Schüben profitiert, jedoch aufgrund der greifbaren Figuren und einem versöhnlichen Schlussgedanken in Erinnerung bleibt.

Mid90s läuft auf der Berlinale 2019 im Rahmen der Sektion Panorama. Alle moviepilot-Texte zum Festival findet ihr auf unserer Berlinale-Themenseite.

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